Meinung

Der Balkonist – Mediale Kuckuckseier der Empörung über den Papst

Der Balkonist – Mediale Kuckuckseier der Empörung über den Papst

Quelle: AFP © Alberto PIZZOLI / AFPPapst Franziskus (Archivbild)

Heute genoss unser Balkonist seinen Milchkaffee beim morgendlichen Blick durch das geöffnete Balkonfenster, als er einen seltenen “Kuckucksruf” aus der Ferne vernahm. Nur durch diesen Zufall kam ihm aus dem Unterbewusstsein folgender Analogieschluss in den Sinn:

“Es ist doch beachtlich, welch laute Blüten die Kuckuckseier in den Medien heuer so hervorbringen!”

Papst Franziskus fordert von Kiew "Mut zur weißen Fahne"

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Als solch ein Kuckucksei empfand er den prompten Aufschrei der Empörung, welcher nach dem Aufruf von Papst Franziskus unisono durch die Medien ging. Jener eigentlich gutzuheißende Aufruf an die ukrainische Führung, Friedensverhandlungen zu starten – auch eingedenk deren ungünstiger Ausgangslage! Hierfür hatte er den symbolischen Ausdruck des Mutes zur weißen Fahne gewählt, was auf eine dezidierte Kenntnis der konkreten Situation schließen lässt, die ihm im Nachhinein aber zum Nachteil gereichen sollte.

Da die heutigen Medien zumeist zentral mit Informationen versorgt werden (über das RND), ist nicht verwunderlich, wenn dann derart unreflektiert und negativ über den päpstlichen Aufruf berichtet wird: ein Hurra auf den Haltungs- statt den objektiven Journalismus! Interessant ist eine Analyse dessen, wer alles sich da so abschätzig gegenüber Papst Franziskus zu Wort gemeldet hat: allen voran die altbekannten Kriegstrommler wie die Waffenlobbyistin Strack-Zimmermann und Oberst a.D. Roderich Kiesewetter (von 2006 bis 2009 immerhin im NATO-Hauptquartier tätig), welche sich angesichts ihrer offenkundigen Befangenheit besser gar nicht zu Wort gemeldet hätten.

Dass gerade eine Frau Strack-Zimmermann es wagt, in diesem Zusammenhang den Begriff Schamgefühl zu benutzen, zeugt von einer erheblichen Selbstüberschätzung – dort, wo für sie als Katholikin vielleicht mehr Demut denn Verbalattacken angezeigt gewesen wären (wie heißt es bei Hosea: “Wer Wind sät, wird Sturm ernten”). Auch ein weniger bekannter Bundestagsabgeordneter der CDU benutzt den Begriff des Schämens für die katholische Kirche, deren Mitglied auch er noch ist. Scham ist jedoch ein Gefühl, das eher durch Zurückhaltung gekennzeichnet ist. Was dem Publikum hier präsentiert wird, sind hingegen heftige, aggressive Emotionen (bis hin zur völligen Empörung), die dann mit dem Begriff des Schämens zwar rhetorisch effektvoll, aber inhaltlich falsch beschrieben werden.

"Ich schäme mich": Deutsche Politiker gehen auf den Papst los

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Sodann folgen die bekannten Äußerungen aus dem evangelisch-grünen Milieu, sprich, von der früheren EKD-Funktionärin und heutigen Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Diese scheint ohnehin eine besondere Beziehung zur Ukraine zu haben, denn bereits 2004 hielt sie eine Rede auf dem Maidan (damals noch auf Russisch!). Nebenher ist sie übrigens auch Mitglied in der “Atlantik-Brücke”. Schließlich meldete sich die designierte Präsidentin des evangelischen Kirchentages 2025, Anja Siegesmund. Diese hatte noch Anfang 2023 vollmundig den Rücktritt von ihren politischen Ämtern bekannt gegeben und den Plan geäußert, nach einer nur eineinhalbjährigen Frist in einen Wirtschaftsverband zu wechseln.

Beide Äußerungen werden nun von einem Großteil der Medien fälschlicherweise gleichgesetzt mit der Meinung der evangelischen Kirche Deutschlands. Weitere polemische Symboliken, etwa die Piratenflagge (als Sinnbild für Tod und Teufel), und die völlig absurde Behauptung, der Papst unterstütze das Böse (wie von einer bis dato unbekannten ARD-Korrespondentin in London geschrieben), erscheinen unserem Balkonisten so unglaublich und bizarr, dass es angebracht wäre, zu prüfen, ob sich jene Kommentatoren im besten Deutschland aller Zeiten mit ihren Äußerungen möglicherweise nicht der “Hatespeech” schuldig gemacht haben.

Zu guter Letzt hat sich noch, wie immer im empörten Tonfall höchster Moralität, die “Erfinderin der feministischen Außenpolitik” zu Wort gemeldet. In völliger Verkennung der Eigenschaften westlicher Waffensysteme befürwortet sie weitere “entschlossene Lieferungen” an die Ukraine und meint sogar, “deutsche Waffen retten Leben” – was offenbar auch für die derzeit heftig diskutierten offensiven Waffensysteme wie Taurus gilt.

Der Balkonist ‒ von Zwiebelschalen, pompösen Inszenierungen und diplomatischen Straußenherden

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In Umkehrung des früheren Aufrufs der Friedensbewegung scheint heute die Parole der Grünen zu lauten: “Frieden schaffen mit immer mehr Waffen” – eine echte 180-Grad-Abkehr von ihren früheren Zielen. Da hilft es auch wenig, wenn in trauter Plauderrunde mit Caren Miosga dem Zwangsgebühren zahlenden Publikum noch weitere persönliche Erzählungen von der ukrainischen Seite der Front vorgesetzt werden – deren Wahrheitsgehalt lässt sich ohnehin schwerlich nachprüfen. Hingegen wird das Erleben der Menschen, die bereits seit 2014 regelmäßig unter dem Beschuss des Donbass durch ukrainisches Militär oder Milizen gelitten haben, in derartigen Schilderungen gänzlich weggelassen (ein weiteres Beispiel für die Vogel-Strauß-Taktik der deutschen Außenpolitik).

Stattdessen wird dem Papst quasi eine Gratis-Fahrkarte in die Ukraine angeboten. Dort solle er sich ein Bild machen – und womöglich neben der Ministerin im Trümmerfeld daher schreiten. Wobei hier natürlich wieder auf Splitterschutzwesten und Schutzhelme aus bildästhetischen Gründen verzichtet werden kann (man denke an die unter rein künstlerischem Aspekt wohlgelungene Fotoaufnahme der Außenministerin – im Galopp über ein Trümmerfeld, mit Stöckelschuhen und stylischer Kleidung). Doch jenseits aller Verbal-Akrobatik und billigen Polemik würde sich zunächst ein Blick auf die Kontinuität in den Aussagen der Päpste zum Thema Krieg und Frieden anbieten, denn keineswegs waren die meisten Päpste der letzten hundertzehn Jahre Kriegsbefürworter.

Und genau in dieser Tradition, die an zahlreiche seiner Vorgänger anknüpft (etwa an Johannes Paul II., Paul VI., Johannes XXIII und Benedikt XV., dessen Pontifikat fast zeitgleich mit dem Ersten Weltkrieg begann), befindet sich Papst Franziskus. Leider finden solche vorsichtigen, zu Frieden und Verhandlungen gemahnenden Worte eines Papstes, damals wie heute, wenig Gehör. Und leider relativierte der Sprecher des Vatikans kurze Zeit später die Aussagen von Papst Franziskus. Das war so lau wie der zwischenzeitlich erkaltete Milchkaffee, den unser Balkonist, vertieft in seine Überlegungen, gänzlich vergessen hatte. Auch war draußen nun kein Kuckuck mehr zu vernehmen, wohl aber weiterhin in den Medien.

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