Meinung

Russland und das Bologna-System: Den Albtraum vergessen

Russland und das Bologna-System: Den Albtraum vergessen

Quelle: Gettyimages.ru © Boris Fedorenko / EyeEmSymbolbild

Ein Kommentar von Anna Schafran

Was die Russen gut können, ist lernen. Nach dem Sieg bei Poltawa hat Peter der Große einen Toast auf die schwedischen Lehrer ausgesprochen. Die gefangenen Schweden verzogen das Gesicht, aber sie tranken. Denn sie konnten sich nirgendwo verkriechen. Den Grundstein für das russische Hochschulsystem legte Peters Tochter Elisabeth. Schon sehr bald brachte die Moskauer Universität Spezialisten hervor, die denen an den alten westlichen Universitäten in nichts nachstanden.

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In den ersten Jahren der Sowjetunion gab es Bestrebungen, sowohl die Schul- als auch die Hochschulbildung zu modernisieren und zu verbessern, aber bald wurde klar, dass es nichts Besseres als das klassische System gab. Und die Menschen, die an den sowjetischen Universitäten ausgebildet wurden, machten die UdSSR zu einer der zwei mächtigsten Nationen der Welt.

In den 1990er-Jahren wurde alles Sowjetische als falsch und erfolglos angesehen. Wäre Wladimir Putin nicht gewesen, so hätte Russland meines Erachtens Mitte der Nullerjahre jegliche Souveränität verloren und wäre das US-Äquivalent zu Kanada geworden: Nur eine formale Unabhängigkeit – eben in dem Sinne, dass nichts von Kanada abhängig ist.

Für uns wäre das gleichbedeutend mit dem Tod. Russland kann keine unterwürfige Haltung einnehmen. Und, nebenbei bemerkt, hat Peter der Große, auch wenn er links und rechts europäische Normen durchsetzte, dies nur getan, um Russland zu stärken. Doch die Reformer der 1990er-Jahre und ihre Nachfolger entnahmen dem gesamten reichen euro-atlantischen Arsenal aus irgendeinem Grund nur das, was Russland schwächer machte.

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Was verkehrt am Bologna-System ist? Es ermöglicht nicht die Ausbildung einer ausreichenden Zahl qualifizierter Fachkräfte, auf deren Arbeit das wirtschaftliche Wohlergehen und die technische Souveränität eines jeden Staates beruhen. Ich bin dem Irrglauben begegnet, dass der Bologna-Prozess ein klassisches europäisches Bildungssystem darstelle und dass eine Abkehr davon gleichbedeutend mit der Preisgabe einer jahrhundertealten universitären und akademischen Bildung sei.

Aber nein, genau das Gegenteil! Die Bologna-Deklaration wurde 1999 unterzeichnet und sie verfolgte ein einfaches Ziel. Die Länder des vereinten Europas sollten abgesahnt werden, damit die besten Studenten aus den weniger wohlhabenden ost- und südeuropäischen Ländern keine Probleme bei der Integration in Westeuropa haben würden. Das gleiche Schicksal war für unsere Studenten vorgesehen. Die Fähigsten würden von den westeuropäischen Staubsauger-Hirnsaugern mitgenommen werden.

Heute erinnert sich kaum noch jemand daran, doch in den späten 1990er-Jahren war George Soros der Hauptsponsor der heimischen Wissenschaft. Natürlich tat er dies nicht aus Nächstenliebe, sondern um die Abhängigkeit zu festigen und die Unabhängigkeit der russischen Wissenschaft zu zerstören. Schließlich bewegte sich unser Land in jenen Jahren am Rande eines Abgrunds, dessen Tiefe wir erst jetzt erkennen.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die Vereinigten Staaten – unser wichtigster geopolitischer Konkurrent – dem Bologna-System nicht beigetreten sind. Aber auch China bricht wirtschaftliche Rekorde, ohne den neu erfundenen europäischen Hirnsauger zu kopieren.

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Weshalb also sollten wir unsere Studenten weiterhin gemäß fremder Formate und Programme unterrichten, die in unserer Umgebung nicht gut funktionieren? Die Stärke des sowjetischen Bildungswesens bestand darin, dass die Abgänger sofort arbeitsfähige Spezialisten waren, die ohne weitere Ausbildung oder zusätzlichem Praktika fähig waren, sofort mit der Arbeit zu beginnen. Und wo das Analogon eines westlichen Master-Abschlusses nötig war, wie in der Medizin, dort gab es nach dem medizinischen Staatsexamen die praktische fachärztliche Ausbildung.

Es ist inzwischen offensichtlich, dass wir sehr ernste Probleme mit der Vorbereitung von spezialisiertem Personal haben, worüber sowohl die Vertreter der Industrie als auch die Dozenten selbst sprechen.

Dieses Gebiet ist von strategischer Bedeutung, um die technologische Souveränität des Landes zu gewährleisten, insbesondere unter Berücksichtigung der Sanktionen, die niemand ausdrücklich aufheben wird. Wir benötigen also das beste System, und das war zweifelsohne das sowjetische.

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Leider hat man heute den Eindruck, dass die Behörden im Bildungswesen mit allen Mitteln versuchen, Dinge zu erhalten, die nicht funktionieren. Weil es bereits zur Routine geworden ist. Doch alle Argumente, die das Bologna-System verteidigen, sind voller Sinnlosigkeit. Tatsache ist, dass die Fachrichtungen zerstört wurden und dass danach die Personalprobleme begannen. Das bedeutet, dass wir nichts Neues erfinden und lediglich das bisherige erfolgreiche System wiederherstellen müssen. Glücklicherweise erinnern sich die meisten Pädagogen noch sehr gut daran, wie es war und was zu tun ist.

In Russland kommt es bedauerlicherweise oft vor, dass der Gesetzgeber ein Problem sieht und operativ Beschlüsse fasst, um es zu lösen. In Ministerien und Abteilungen aber kommt es zu Verzögerungen. Wir dürfen uns jetzt nicht mit halben Sachen zufriedengeben. Qualifizierte Fachkräfte sind eine strategische Angelegenheit. Das heißt, die Zeit ist gekommen, das Bologna-System als schlechten Albtraum zu vergessen.

Übersetzt aus dem Russischen.

Anna Schafran ist eine Fernseh- und Radiomoderatorin. Sie hat ein Buch mit dem Titel “Der Staat der Ehre. Die Monarchie als Zukunft Russlands” geschrieben und veröffentlicht. Seit 2020 arbeitet sie als unabhängige Moderatorin eigener Radio- und Fernsehsendungen und bloggt im Internet. Shafran ist ihr Pseudonym, ihr richtiger Name ist Palyukh.[Mehr zur Autorin]

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