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Zehn Jahre “Massaker auf dem Maidan”: Wie die Ukraine zum Failed State wurde

Zehn Jahre "Massaker auf dem Maidan": Wie die Ukraine zum Failed State wurde

Quelle: Gettyimages.ru © Emeric Fohlen/NurPhotoDie Gründungslegende der Postmaidan-Ukraine: Kiewer gedenken am 24. Februar 2014 der “Himmlischen Hundert”. Was wirklich geschah, ist bis heute nicht endgültig geklärt.

Von Dmitri Ewstafiew

Am 20. Februar vor genau zehn Jahren fielen Schüsse auf dem Maidan in Kiew, dem Hauptplatz der Stadt, der zugleich Name und Sinnbild der zunehmend gewalttätigen Proteste ist. Damals ahnte noch niemand, dass die Ukraine da gerade die Trennlinie zwischen den für das Land traditionellen Dauerprotesten und dem Beginn eines schmerzhaften und langwierigen Prozesses der Demontage der eigenen Staatlichkeit überschritt. Und niemand konnte sich vorstellen, dass die Prozesse, die in jenen schicksalhaften Tagen in Kiew in Gang gesetzt wurden, zehn Jahre später das geopolitische Bild der Welt bestimmen und zum größten bewaffneten Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg führen würden.

Die Tötung von etwa 50 Euromaidan-Aktivisten durch unbekannte Scharfschützen, die bis heute nicht ausfindig gemacht wurden, schuf den wichtigsten Gründungsmythos der neobanderitischen Maidan-Ukraine: die Legende der “Himmlischen Hundertschaft”, die sich für “Freiheit und Demokratie” geopfert habe. Doch was damals geschah, überraschte niemanden sonderlich. Das Ausmaß der Gewalt in Kiew hatte seit langem stetig zugenommen, zugleich hatte sich die politische Auseinandersetzung in einem Patt festgefahren, denn keine Seite konnte auf eine überwältigende Mehrheit im Volk setzen.

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Ein “sakrales” Blutvergießen zur Überwindung dieses Patts war vorhersehbar, wenn nicht gar unvermeidlich. Schließlich gehört dies zum bekannten Szenario der “Farbrevolutionen” und jedem war klar, dass der Euromaidan in Kiew genau das war: Eine “Farbrevolution”. 

Ein weiterer Punkt, der mir schon damals auffiel, war die Zahl der Opfer innerhalb eines kurzen Zeitraums und die Hilflosigkeit der Behörden. Wahrscheinlich hat Wiktor Janukowitsch am 21. Februar 2014 seine letzte Chance, an der Macht zu bleiben, verspielt, als er sich dagegen entschied, hart gegen die Kundgebungen der Opposition vorzugehen, ihre Anführer zu internieren sowie die ungenannten Scharfschützen zu identifizieren und zu verhaften. Er handelte weiterhin im Einklang mit der in der postsowjetischen Ukraine üblichen Politik des Aushandelns von Kompromissen zwischen den oligarchischen Gruppen. Und er glaubte an die Aufrichtigkeit der westlichen Besucher, die sich für eine Einigung mit der Opposition einsetzten.

Wer die “unbekannten Scharfschützen” waren und wie die “Himmlischen Hundert” zu Tode kamen, zu denen im offiziellen Narrativ übrigens auch Menschen gezählt werden, die in Wahrheit durch die Hand der Maidan-Aktivisten starben, ist nur noch für Historiker von Interesse. Viel wichtiger ist es, die Mechanismen aufzudecken, mit denen der Westen, vor allem die Vereinigten Staaten, die “Farbrevolutionen” auf ein grundlegend neues Niveau der Gewalt gebracht haben. Dies führte in einem späteren Stadium zum inzwischen offensichtlichen Ende der ukrainischen Staatlichkeit.

Lassen Sie uns an dieser Stelle vier Punkte hervorheben.

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1. Plante der kollektive Westen den Sturz von Wiktor Janukowitsch oder hat sich alles “von selbst” ergeben?

Diese Frage kann im ersteren Sinne mit “Ja” beantwortet werden. Alles, was die westlichen Abgesandten in Kiew taten, zielte darauf ab, Janukowitsch als Präsident endgültig zu delegitimieren. Ja, es gab einen Unterschied zwischen dem “langsamen” europäischen Szenario und dem “schnellen” amerikanischen. Aber das Endergebnis war bei beiden Optionen das gleiche, und die politische Psychologie des damaligen ukrainischen Präsidenten war in beiden Szenarien brillant einkalkuliert. Janukowitsch hat die Erwartungen der westlichen Strategen nicht enttäuscht.

2. Warum führte das übliche Kiewer “Gerangel” zwischen der Regierung und der prowestlichen Opposition zu solch katastrophalen Folgen?

Das politische System der Ukraine, das in seinem Kern zutiefst oligarchisch ist, war 2014 zu einem feudal-oligarchischen Parochialismus degeneriert. Die Institution des ukrainischen Präsidenten als Symbol der Einheit des mosaikartig zusammengesetzten Landes war bereits zweimal diskreditiert worden: zunächst durch die unter westlichem Druck abgehaltene “dritte Runde” der Präsidentschaftswahlen nach dem ersten Maidan des Jahres 2004, und dann durch den untalentierten und moralisch erbärmlichen “politischen Hetmanismus” von Wiktor Juschtschenko.

Als der Westen das Spiel mit Janukowitsch begann, ging er von der Annahme aus, dass es in der Ukraine keine im ganzen Land als legitim akzeptierte Macht gibt.

Auch heute gibt es keine von allen als völlig legitim akzeptierte politische Macht in der Ukraine.

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3. Hatte der kollektive Westen ursprünglich vor, die Ukraine zu einem “Anti-Russland” zu machen?

Höchstwahrscheinlich nicht. Der Westen wird sich nach Minsk-2 (das, wie jetzt offen zugegeben wird, nur unterzeichnet wurde, um Zeit zu gewinnen) in diese Richtung gewandt haben. Damals, im Februar 2014, gab es viel mehr Hoffnungen auf eine Destabilisierung in Russland selbst, auf die Machtübernahme in Moskau durch Kräfte, die dem Westen freundlich gesonnen sind. Danach wäre die Ukraine nur noch als finanzielles “Waschbecken” und vielleicht als Testgebiet für neue Sozial- und Informationstechnologien benötigt worden. Die Wiedervereinigung der Krim mit Russland aber brachte alles durcheinander und verschaffte den russischen Behörden einen Vertrauensvorschuss, der durch keinerlei politische Kunstgriffe gebrochen werden konnte. 

4. War es nach dem Blutvergießen in Kiew möglich, die Integrität des Landes zu wahren?

Wohl kaum. Die politische Regionalisierung der Ukraine war bereits im aufsteigenden Trend; die Morde in Kiew im Februar 2014 und das Verschwinden der Reste der legitimen Zentralmacht haben dem Regionalisierungsprozess lediglich einen neuen Schub verliehen. Unter anderem dadurch, dass nach dem Verrat von Janukowitsch eine Nachfrage nach starken Führern entstand, die in der Lage waren, die Interessen der Menschen im Südosten zu verteidigen. Die “Dezentralisierung” der Ukraine hätte schrittweise, durch Konföderalisierung und ohne große Opfer erfolgen können. Doch der Westen spielte hier seine blutige Rolle, indem er die Post-Maidan-Junta Turtschinows, die durch das blutige “Geheimnis der unbekannten Scharfschützen” seine willenlose Marionette war, zu einer gewaltsamen Lösung drängte.

Übersetzt aus dem Russischen. 

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